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Thierry Carrel: «Politik müsste offenes Ohr für Wissenschaft haben»

Der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel erklärt in seiner ersten Nau.ch-Kolumne, wie wichtig das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik ist.

Thierry Carrel ist Herzchirurg und neuer Nau.ch-Kolumnist. - Nau.ch / Simone Imhof

Das Wichtigste in Kürze

  • Thierry Carrel ist Herzchirurg, FDP-Nationalratskandidat und neuer Nau.ch-Kolumnist.

  • Der Mediziner verlangt eine Politik, die auch für die Wissenschaft ein offenes Ohr hat.

  • Vorschläge sollten vorsichtig geprüft und nicht aus politischem Reflex abgelehnt werden.

 

Vor Kurzem habe ich im «Sonntagsblick» ein Interview von Prof. Thomas Stocker, dem weltweit bekannten Schweizer Physiker und Klimaforscher, gelesen. Eine seiner Kernaussagen: «Extremsommer werden viel häufiger und viel intensiver.»

Am selben Tag schreibt die «NZZ»: Bürgerliche Politiker bezweifeln, dass sich die gegenwärtige Entwicklung (Hitze, Bergstürze, Trockenheit) noch stoppen lässt, sie fordern weniger Klimaschutz und mehr Anpassung an den Klimawandel – das sei einfacher durchzusetzen. Da stimme ich zu.

Auch der kleinste Krebsableger muss bekämpft worden

 

Aber diese Einstellung bereitet mir, als Mediziner, trotzdem etwas Mühe: Erstens habe ich für meine Patienten immer gegen Leiden und Krankheiten gekämpft. Zweitens habe ich gelernt, dass eine blosse Symptombekämpfung weniger wirksam ist, als wenn man das Übel bei der Wurzel packt.

Ein Mann steht in einer Gletscherhöhle des Sardonagletschers. Der wegen des Klimawandels schwindende Gletscher hat eine Eishöhle freigegeben. (Symbolbild) - keystone

Das Übel Klimaerwärmung wird jedoch nur minimal durch die Schweiz verursacht. Auch hier gäbe es eine Parallele mit der Medizin: Bei einer Krebserkrankung muss nicht nur der Primärtumor behandelt werden, sondern jeder noch so kleine Ableger. Dies ist zwingend notwendig, um dem Patienten Hoffnung geben zu können.

 

Gut für die Gesundheit: Den CO2-Ausstoss reduzieren

 

Wie steht es aber mit der gesundheitlichen Gefährdung durch den Klimawandel? Einiges ist uns schon bekannt: Bergtouren sind wegen des Schmelzens des Permafrosts gefährlicher geworden.

Die Häufigkeit von Lungenschäden ist grösser in Regionen mit hoher Smog-Belastung. Das lässt sich heute dank der modernen Medizin sicher kurieren. Darum: Wäre es nicht trotzdem verantwortungsvoll, die Menge des schädlichen CO2-Ausstosses zu reduzieren?

 

Vorschläge sorgfältig prüfen wie in der Wissenschaft

 

Noch verfügen wir über eine leistungsstarke und für alle verfügbare, ausgezeichnete Gesundheitsversorgung. Aber die ausufernden Krankenkassenprämien werden Jahr für Jahr für immer mehr Menschen und Familien ein Problem. Darum scheint mir die Motion von FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt, mit dem Vorschlag eines «Budget»-Versicherungsmodells, eine interessante Lösung zu sein, selbst wenn vielleicht noch nicht alles ganz ausgegoren ist.

Deshalb mein Appell an die Politik: Keine Ablehnung aus parteipolitischem Reflex oder dogmatischer Gewohnheit, sondern den Weg wählen, den wir Naturwissenschaftler immer beschreiten müssen. Dies würde konkret bedeuten: «Lasst uns diesen Vorschlag prüfen». Hat in der Wissenschaft jemand eine Idee, wird ein Versuchsprotokoll verfasst und dann eine Studie durchgeführt.

Das neue Konzept muss nach strengen wissenschaftlichen und statistischen Kriterien in einer unvoreingenommenen Art und Weise geprüft werden. Ein solches Vorgehen würde den Namen Professionalität verdienen. Denn in der komplexen heutigen Welt müsste die Politik vermehrt ein offenes Ohr für die Wissenschaft haben.

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