Gesellschaft & Ethik

"Meine Standpunkte"

 

(von Prof. Thierry Carrel)

1. Gesundheitspolitik

  • Freie Arzt- und Spitalwahl: Muss ohne Einschränkungen in der ganzen Schweiz gewährleistet sein. Kantonsgrenzen müssen dringend aufgehoben werden.
  • Kantonale Planung im Spitalbereich: Soll sich auf das Notwendigste beschränken. Es darf auf keinem Fall eine Staatsmedizin daraus entstehen. Öffentliche und private Spitäler müssen gleich behandelt werden.
  • Entlöhnung von Spitzenkräften: In Privatspitälern, die öffentliche Gelder erhalten, sollen die Entschädigungen von Chefärzten auf das Niveau der universitären Medizin angepasst werden.
  • Neuregelung der Leistungsfinanzierung: Müsste sich seit 2012 (mit Einführung der fallpauschalierten Vergütung) für die Prämienzahlenden zum Positiven entwickeln. Es darf nicht sein, dass der Berner Bürger deutlich mehr als der Einwohner von Zürich St-Gallen oder Luzern für seine Krankenkassenprämie bezahlen muss.
  • Einheitskasse: Diese Scheinreform bringt ausser neuer Bürokratisierung und Zusatzkosten nichts: Sie ist deshalb energisch abzulehnen.
  • Hausarztmedizin: Gleiche ambulante Leistungen müssen in der Hausarztpraxis gleich viel kosten wie im Spital. Es müssen zudem deutliche Anreize für innovative Versorgungsmodelle im ambulanten Bereich geschaffen werden. Die Weiterbildung zum Hausarzt muss reformiert und attraktiver werden.
  • Numerus clausus: Muss zwingend gelockert oder aufgehoben werden. Es sind zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, um die Nachfrage nach qualifizierten Schweizer Nachwuchskräften zu decken.
  • Schweizerisches Medizinkorps: Nach dem Muster des Katastrophenhilfskorps soll eine eigene Organisation aufgebaut, die Aufgaben im Bereich Entwicklungshilfe übernimmt und zugleich für die Vertiefung der Ausbildung von Jungmedizinern sorgt. Dies würde das gute „Image“ der Schweiz im Ausland massgeblich stärken.
  • Langzeitpflege: Die enorme Zunahme der Demenzfälle und die zunehmende Bevölkerungsalterung erfordern eine schnelle und umfassende Regelung zur unbürokratischen Versorgung der chronischen Pflegefälle. Angesichts der Riesenkosten ist als letzter Ausweg die Schaffung eines neuen Sozialwerks zu prüfen.
  • Gesundheitsprävention: Die Eigenverantwortung soll durch Information und Hilfe zur Selbsthilfe gefördert werden. Ein konsequenter Jugend- und Nichtraucherschutz muss jedoch gewährleistet werden.
  • Komplementärmedizin: Der Volkswille, wonach gewisse Leistungen der Alternativmedizin von der Grundversicherung übernommen werden, ist zu respektieren.
  • Sterbehilfe: Urteilsfähige Patienten sollen die Entscheidungsfreiheit über Ihr Leben haben. Für Ärzte darf keine Pflicht zur Beihilfe bestehen.
  • Transplantationsmedizin: Der herrschende Organmangel hätte durch die Einführung der Widerspruchslösung (wer nicht ausdrücklich verneint, wird nach seinem Tod automatisch zum Organspender) verbessert werden können. Die heutige
  • Zustimmungsregelung (nur wer seine Zustimmung vorher schriftlich bekundet, wird Organspender) ist überholt.

2. Sozialpolitik

  • Pensionsalter: Muss geschlechtsneutral sein und ist nach dem Modell von Avenir suisse "schrittchenweise" an die Lebenserwartung der Pensionierten anzupassen. Damit würde das Rentenalter 67 im Jahr 2026 wirksam werden.
  • Pensionskassen: Die freie Wahl ist in jedem Fall zu gewährleisten.
  • Für eine zweckorientierte sichere IV: Als Arzt werde ich nicht selten mit der Beurteilung eines IV-Anspruchs konfrontiert und habe mich mit den Grundlagen auseinanderzusetzen. Die 6. IV-Revision soll dringend realisiert werden. Dabei darf die IV nicht zweckentfremdet werden, wie etwa eine IV-Berentung anstelle von einer Integrations- und Gesundheitsunterstützung. Sozialmissbräuche müssen institutionell bekämpft werden, und Renten sind zwingend periodisch zu überprüfen – es ist nicht der Sinn der Sozialhilfe, einträglicher als Arbeit zu sein. Gleichzeitig unterstütze ich Arbeitgeber, welche Bedingungen schaffen, damit handicapierte Arbeitnehmer sinnvoll und erfüllend beschäftigt werden können.
  • Frauenförderung: Es muss alles getan werden, damit qualifizierte Frauen Beruf und Familie in Einklang bringen können. Insbesondere Kinderbetreuung und Wiedereinstiegshilfen müssen gefördert werden.
  • Missbräuche: Die bisherige Praxis bei den Krankenkassensubventionen und bei den Ergänzungsleistungen beim fahrlässigen Aufbrauchen der 2-Säule-Gelder begünstigt vielfach Personen, die keine staatliche Unterstützung benötigen oder ihre Ansprüche leichtfertig verloren haben.
  • Sozialausgaben in den Griff kriegen: Falsche Anreize im Sozialwesen eliminieren – wer arbeitet, darf nicht der Geprellte sein. Sozialwerke auch für die Jungen von heute sichern.
  • Für einen würdigen dritten Lebensabschnitt: Wichtig ist eine umfassende zukünftige Rentenreform. Dabei sollen Bürgerinnen und Bürger ihr Rentenalter individuell bestimmen und flexibel gestalten können. Ich kenne viele ausgezeichnete Forscher, die das Land verlassen mussten, weil sie durch zu strenge Auflagen an die Weiterführung ihrer Arbeit verhindert wurden. Bekanntestes Bespiel ist der Nobelpreisträger der ETH Zürich, Prof. Wüthrich, welcher nach einer erzwungenen Pensionierung nun eine erfolgreiche Forschungsgruppe aufgebaut hat – in Kalifornien! Der Schweiz ging dabei viel Wissen und Können verloren!

 

3. Bildungspolitik

  • Gleichwertigkeit: Die verfassungswidrige Benachteiligung der beruflichen gegenüber der akademischen Bildung muss ein Ende haben.
  • Keine Ausnahmen: Die Hauptverantwortung für Selektion und Ausbildung müssen – wie bei der üblichen dualen Grundbildung – die Ausbildungsbetriebe tragen.
  • Höhere Berufsbildung für Pflegende: Die Pflegeberufe dürfen nicht übermässig „akademisiert“ werden. Die höhere Berufsbildung für Pflegefachpersonen muss durch spezielle Anreize attraktiver werden.
  • Rohstoff Bildung 1: Wissen ist unser wichtigster Rohstoff. Unsere Kinder sollen lernen, was ihnen später im Arbeitsleben nützlich sein wird. Um dieses Ziel zu erreichen, bin ich klar für eine Leistungsorientierung – von der Grundschule übers Gymnasium bis zur Universität. Dazu gehören Kindergarten oder Einschulung ab dem 4. Lebensjahr, eine Beurteilung mit Noten auf allen Schulstufen und Dreisprachigkeit am Ende der obligatorischen Schulpflicht.
  • Rohstoff Bildung 2: Die Spitzenpositionen unserer Universitäten und Technischen Hochschulen müssen (und können!) durch verstärkte Autonomie und im Wettbewerb ausgebaut werden. Als Direktor einer Klinik am Inselspital und als Professor an der Universität Bern verlange ich mehr Studienplätze in der Medizin (Lockerung oder Aufhebung der Zulassungseinschränkung). Wünschenswert sind auch zusätzliche finanzielle Mittel – aus dem Nationalfonds und aus der Industrie – für die Naturwissenschaften, zum Beispiel im Wachstumsbereich erneuerbare Energien.